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Jack London war in der NŠhe. Die letzten Jahre seines kurzen Lebens verbrachte er hier auf dem Sonoma Mountain in Kalifornien. Alles was er damals wollte, war ãein ruhiger Platz zum Schreiben und leben in der Natur - dieses Etwas das uns allen fehlt, von dem aber kaum einer etwas wei§." Diese Idee ist nicht so weit entfernt, von dem was Rammstein hier suchen. Doch wŠhrend Jack London hier alt werden wollte, ist dieser Ort fŸr Rammstein lediglich eine Station auf dem Weg zu ihrem neuen Album. Sechs Wochen lang arbeiten sie hier im Studio an ihren Songs - weit weg von zu Hause, ohne Familien, ohne Ablenkung und VerfŸhrung. Letztere beschrŠnkt sich auf das gute Essen, ein paar gute Filme, den Pool, einen verwaisten Tennisplatz und einen Ausflug zum Konzert von Nine Inch Nails in Sacramento.

UrsprŸnglich wollten Rammstein in Los Angeles aufnehmen. ãL.A. hat eine gute Energie. Alle wollen was. Es ist sportlich, schnell, hart.Ò sagt Paul. Schneider hŠtte das Experiment L.A. auch gern gemacht. Idylle hŠtte man immer habt, egal ob in Malta, Spanien oder SŸdfrankreich. Los Angeles hŠtte eine neue Erfahrung sein kšnnen... Es klappte nicht. Also spielte Schneider dort lediglich seine Drums ein. Danach entschied man sich fŸrs Kontrastprogramm und zog auf den schšnen Berg in Sonoma Wine Country. Ein Studiokomplex im Landhaus-Stil mit Kamin und Kšchin. Paul: ãHier herrscht so eine freundliche Beschaulichkeit – die brŠuchten wir fŸr dieses Album eigentlich sowas von Ÿberhaupt nicht.  Aber das Studio war gebucht und wir ziehen das jetzt durch. Das kšnnen wir.Ò Richard spricht von der Rammsteinschen Gruppendynamik, die extrem stark und dunkel sei. Gut zwar, aber auf Dauer zuviel und manchmal destruktiv. Deswegen sei es wichtig gewesen, einen Platz zu finden, wo man sich von Zeit zu Zeit zurŸckziehen kšnne, um der ãRammstein-MagieÒ zu entkommen. Flake hŠtte das Album auch prima in GrŸnau aufnehmen kšnnen: "Amerika ist nicht so meins."

Bis hierher auf diesen Berg warÕs ein langer Weg. Rammstein hatten sich nach ihrem letzten Album ãRosenrotÒ und der langen zermŸrbenden Tour frei genommen. Mehr als ein Jahr lang sollte jeder tun und lassen kšnnen was er wollte. Keine Verpflichtungen, keine Anrufe. Eine Art Sabbatical. Die Band Rammstein sollte fŸr diese Zeit nicht mehr existieren. Nach au§en nicht und nach innen auch nicht. Flake hat erst nach sieben Monaten bemerkt, dass er frei hatte: ãIch hatte genauso viel zu tun wie vorher, nur eben ohne Band.Ò Paul fiel fŸr einige Wochen in das berŸhmte Schwarze Loch und musste feststellen, dass er in seinem ganzen Leben ãnoch nie NICHTS getanÒ hatte. Schneider bekam irgendwann das GefŸhl, gar keine Band mehr zu haben: ãIch hab mich gefragt, ob es Ÿberhaupt weitergeht.Ò Ein Gedanke, der ihn einerseits ein wenig beunruhigte, doch er habe auch gelernt, dass es durchaus ein Leben ohne Rammstein geben kann. Richard wusste das schon vorher und arbeitete in New York an seinem Soloprojekt Emigrate, Olli heiratete und genoss. Und Till? Till denkt in seinem Zimmer gerade Ÿber brennende Engel nach.

Mittags kommt Robin. Robin ist die Kšchin, die eigentlich Schmuckdesignerin ist. Sie hat fŸr Prince und die TV-Serie ãFriendsÒ gearbeitet. Jetzt kocht sie fŸr Rammstein. Ob sie die Musik schon mal gehšrt habe? Nein. Sie wolle nicht mehr Ÿber die Jungs wissen, als das was sie sehe. ãThese guys are so great!Ò. Manchmal hšre sie ein paar Fetzen aus den Studios und das klinge sehr aufregend. ãAnd Till is really an artist!Ò SprichtÕs und zaubert in einer knappen Stunde ein komplettes MenŸ fŸr 12 Leute auf den Tisch. 12 Leute geizen nicht mit Komplimenten (ãDelicious...Ò), um sich im nŠchsten Moment Ÿber die Kšchin lustig zu machen (ã... and so easy to make!Ò).

Mittagessen und Abendbrot sind die festen Termine des Tages. Da sitzen alle zusammen. Um sein FrŸhstŸck kŸmmert sich jeder selbst. Und dann wird gearbeitet.

Mit Rammstein hierher gekommen sind Produzent Jacob Hellner und die Ingenieure Ulf Kruckenberg und Florian Ammon (der  gerade noch mit U2 an deren neuem Album gearbeitet hat). Das Studio besteht aus drei Workstations: Im Hauptstudio sitzt Jacob und nimmt die Gitarren und den Gesang auf. Die zweite Station ist das Bandsystem fŸr Bass, Keyboards und dies und das. Und schlie§lich Station 3, wo aus den verschiedenen Schlagzeug-Takes, die Schneider in L.A. aufgenommen hat, die besten ausgesucht und dann rŸber zum Hauptstudio geschickt werden. ãWie in einer FabrikÒ sagt Paul, ãeine Art Fertigungsstra§eÒ.

Jacob Hellner hat alle Rammstein-Alben produziert. Er kennt die Band, wei§ wie die Jungs ticken. ãEine Platte zu machen, ist meist ein chaotischer Prozess, doch Rammstein sind sehr strukturiert – das macht es leichter.Ò Nur die ewigen Diskussionen in der Band seien mitunter zermŸrbend. ãRammstein is a neverending conferenceÒ. Deshalb frŸhstŸcke er lieber allein im Produzenten-Wohnhaus ein StŸck entfernt vom Studiokomplex. Da lšffelt er seine Cornflakes und schaut hinunter ins dampfende Tal. Es hat geregnet in der Nacht und es ist kalt geworden. Gerade ist mal wieder der Strom ausgefallen. Normal hier, niemand ist beunruhigt.

RŸckblende: Als die Auszeit vorŸber war, traf sich die Band mit ihrem Manager Emanuel Fialik auf einem Hausboot und schipperte die Dahme runter, um zu Ÿberlegen wieÕs weitergehen soll mit dem gro§en Schiff Rammstein. ãSchon nach dem ersten Tag warÕs fŸr mich, als sei ich nie weg gewesenÒ erinnert sich Flake, ãdie gleichen blšden Witze, jeder fŠllt in seine alten Verhaltensweisen zurŸck.Ò Paul findet einen Vergleich: ãDu rauchst, dann hšrst du auf, dann fŠngst du wieder an und du rauchst einfach wieder. Als hŠttest du nie aufgehšrt.Ò Und dann die Diskussion: Neue Platte oder erstmal eine Tour? Die Meinungen gingen wie immer auseinander. Schneider: ãIch hŠtte es gut gefunden, wenn wir erstmal auf Tour gegangen wŠren. FŸr mich existiert eine Band nur, wenn sie auf der BŸhne steht. Dann erst ist dieses BandgefŸhl da und darin liegt fŸr mich auch die eigentliche Bestimmung: Zusammen Musik machen und andere hšren zu.Ò Doch das System Rammstein ist eine Demokratie, und die beschloss: Studio. Dem folgte ein mitunter quŠlender Prozess. Richard spricht von der ãdunklen ZeitÒ. Olli siehtÕs eher positiv: ãWir mussten wieder lernen, uns als Band zu begreifen. Das war unsere Aufgabe und das hat uns weitergebracht.Ò

Sie gingen in den Proberaum, spielten zusammen,  sammelten Ideen, nahmen ein paar Demos auf – das alles zog sich ein weiteres Jahr hin. Ein Jahr, das die Band brauchte, um wieder zusammenzuwachsen oder wenigstens FŸhlung aufzunehmen. Doch selbst dann wurde die Arbeit nicht leichter, im Gegenteil. Die schon fertigen Lieder wurden wieder und wieder Ÿberarbeitet. An anderen Orten, unter anderen Bedingungen. ãImmer und immer wieder...Ò Paul dehnt diesen Halbsatz und sieht mit jeder Silbe mŸder aus - ein zermŸrbender Prozess, der die Stimmung in der Band sehr strapazierte. Und Till? Till zieht trotz der KŠlte und des Regens am Morgen im Pool seine Bahnen.

Im Hauptstudio wird inzwischen Richards Gitarre aufgenommen. Flake steht hinter Jacob am Pult und hat ein paar Ideen: ãJeder hat so sein Lieblingslied, das ihm besonders am Herzen liegt und dafŸr engagiert man sich vielleicht ein bisschen mehr als fŸr ein anderes.Ò Und Produzent Jacob Hellner ist ein Architekt: ãIch schiebe Blšcke zusammen oder Ÿbereinander. Wie das GebŠude am Ende aussehen wird, wei§ noch niemand. Musik fŸhrt ein Eigenleben. Wenn du denkst, du hast ihr Wesen erfasst, erliegst du einem gro§en Irrtum. Musik kennt keine Gesetze.Ò

Das Arbeiten an den Songs ist das eine. Gleichzeitig wird hier in Kalifornien schon Ÿber die Tour nachgedacht, denn die BŸhne und die Show sind bei Rammstein genauso wichtig wie die Musik. ãRammsteinÒ ist ein Gesamtkunstwerk. Und Ÿber Gesamtkunstwerke wird nicht nachgedacht, sondern philosophiert. Die Philosophie endet in dieser einen Nacht spŠt am nŠchsten Morgen und hat zu nichts gefŸhrt. Aber das wird sich Šndern.

Manager Emu kommt vorbei. Nach dem Abendessen ist ein Bandmeeting angesetzt. Eine Tour vor dem neuen Album oder danach? 6 Leute, 6 verschiedene Meinungen. Die Demokratie Rammstein lŠuft hei§. Irgendwann reden alle durcheinander. Paul: ãDie Kunst ist, zu lernen sich positiv einzubringen und nicht gleich sauer zu werden und einzuschnappen, wenn sich deine Idee nicht durchsetzt. Wenn irgendeiner mehr Raum beansprucht als ein 6tel, gibtÕs richtig €rger.Ò Rammstein sei ein natŸrliches Biotop, sowas Ÿberlebe... Flake: ãBei Rammstein ist es vielleicht so wie im MŠrchen âSechse kommen durch die ganze WeltÕ: einer kann schnell laufen, einer kann gut gucken, einer ist der Starke.Ò Und er sei vielleicht der, der weit spucken kann...

FŸr Richard bedeutet die Zukunft von Rammstein Unterordnung. Sein Ego ist gro§. Seine Lust, im Mittelpunkt zu stehen ebenso. DafŸr hatte er Emigrate. Doch jetzt ist Rammstein. Und Rammstein sei grš§er als sein Probleme: ãDie GenialitŠt der Band liegt nicht beim Einzelnen, sondern entsteht aus der Chemie zwischen allen Beteiligten.Ò Eine Chemie, die keinem harmonischen Prinzip folge, sondern im Gegenteil: Gerade die Reibungen erzeugten des Spezifische und Einzigartige, das Rammstein ausmache.

Jacob spricht von der gro§en Rammsteinmaschine: ãJede Idee muss da durch und was am Ende rauskommt, ist RammsteinmusikÒ. Und Till? Till singt: ãBin nie zufrieden, es gibt kein Ziel, gibt kein Genug, ist viel zuviel...Ò

Der Song hei§t MEHR und klingt vertraut. Ob er auf dem Album landen wird, ist noch nicht klar. Im Herbst kommt es raus, dann ist MEHR passiert.